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Erinnerungen aus Spiegelau: Gedenkstättenfahrt nach Berlin

Im Februar dieses Jahres wurden Freiwillige diverser Einsatzstellen in unserem Seminar am Bildungszentrum Spiegelau auf die Gedenkstättenfahrt nach Berlin vorbereitet. Dies bedeutete, einerseits die Teilnehmenden inhaltlich auf die kommenden Exkursionsziele vorzubereiten und eine breite Basis an Grundwissen zu erarbeiten. Andererseits war das Ziel, eine positive Gruppendynamik und ein sich gegenseitig unterstützendes Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Im Rahmen dieses Seminars zur Erinnerungskultur beschäftigten sich die Teilnehmenden daher mit dem Ursprung und den Formen von Antisemitismus und der Systematik der Ausgrenzung, Diskriminierung und Entmenschlichung verschiedener Gruppen. Im Hinblick auf die Gedenkstättenfahrt ging es hierbei insbesondere um die von Nazis als „jüdisch“ charakterisierten Menschen während des Nationalsozialismus. Außerdem bot das Seminar Raum zum Austausch über Zeitzeugenschaft und zu Interviews von Zeitzeug*innen des Holocausts.

Nach dieser intensiven Woche des Lernens und der Freude am gemeinsamen Wissensaustausch traten die Freiwilligen im Mai dieses Jahres ihre Gedenkstättenfahrt nach Berlin an. Zunächst wurde die Gedenkstätte Sachsenhausen aufgesucht, um sich mit der Geschichte des Ortes und den Geschichten der Menschen intensiv zu beschäftigen. Sowohl bei der freien Erkundung als auch bei der exzellenten Führung über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers konnten die Teilnehmenden viele Eindrücke und neues Wissen gewinnen. Durch die Besichtigung von „medizinischen“ Räumlichkeiten, Überresten der Hinrichtungsstätten und Krematorien sowie kleinen Zeugnissen und Kunstwerken der gefangenen Menschen sahen sich die Freiwilligen mit einer Flut an Reizen, Emotionen und Informationen konfrontiert, die am darauffolgenden Tag durch die Beschäftigung mit Einzelschicksalen nicht nachließ. So erfuhren die Teilnehmenden in der Ausstellung im Anne-Frank-Zentrum Berlin nicht nur etwas über den Menschen Anne Frank, sondern auch über ihre Familie, die Lebensumstände von jüdischen Deutschen der Mittelschicht und Annes Vermächtnis – ihr Tagebuch.

Auch die anschauliche Ausstellung in der Gedenkstätte „Stille Helden“ faszinierte die Teilnehmenden durch die Präsentation einzelner Personen, die den von den Nazis verfolgten Menschen geholfen und somit Menschlichkeit, Größe und Mut bewiesen haben. Eine Tatkraft, die alle Teilnehmenden nachhaltig bewegt hat.

Bei einem Rundgang durch Berlin Mitte erfuhr die Gruppe mehr über die Geschichte jüdischen Lebens in Berlin, insbesondere wie vielfältig jüdisches Leben dort verankert war und wieder ist. Dass gelebte Vielfalt innerhalb der Gesellschaft jedoch nicht immer selbstverständlich war oder ist, wurde uns am Abschlusstag noch einmal vor Augen geführt. Im Tiergarten besuchten wir Gedenkorte anderer, von den Nazis verfolgter Gruppen, und spannten inhaltlich einen Bogen zum Besuch in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Einem Ort, an dem die unterschiedlichsten Menschen interniert und ihrer Menschlichkeit beraubt wurden. Daher resümierten wir am Ende der Gedenkstättenfahrt, dass es unser aller Aufgabe ist, für Menschlichkeit und ein friedliches Miteinander einzustehen sowie für eine Gesellschaft einzutreten, in der Vielfalt ein Gewinn ist.

Im darauffolgenden Monat fand erneut ein anknüpfendes Seminar am Bildungszentrum Spiegelau statt. Die Gruppe empfing Freiwillige des Bildungszentrums Sondershausen, die ebenfalls an einer Gedenkstättenfahrt nach Lublin in Polen teilgenommen hatten. Bei der inhaltlichen Vertiefung innerhalb des Seminars wurde der Fokus dieses Mal auf den Gegenwartsbezug gelegt. In frei wählbaren Workshops konnten sich die Teilnehmenden mit Rechtsextremismus, modernem Antisemitismus, Israelfeindlichkeit sowie dem Sichtbarmachen von Erinnerungen auseinandersetzen.

Der Austausch über die bisherigen Erlebnisse und Erinnerungen dienten neben der Reflexion der Gedenkstättenfahrt auch zur Vorbereitung auf den abschließenden Besuch des Zeitzeugen Ernst Grube. Mit seinen 90 Jahren ist Ernst Grube noch immer voller Begeisterung, Engagement und hat einen wachen Geist. Er erzählte von den Erfahrungen seiner Kindheit während der NS-Zeit und beantwortete anschließend Fragen der Teilnehmenden. Professionell unterstützt wurde er dabei von Birgit Mair. Abbildungen von Dokumenten und Familienfotos aus Herrn Grubes persönlichem Archiv machten seine Erzählungen noch anschaulicher und lebendiger, aber auch eindringlicher.

Durch vielfältigen Gesprächsstoff, großes Interesse und Motivation der Freiwilligen verging die Woche am Bildungszentrum Spiegelau wie im Flug. Insbesondere die Vernetzung mit Bundesfreiwilligen aus einem anderen Bundesland hat den Gruppen neue Perspektiven auf das vielfältige Leben in Deutschland eröffnet.

Bereits einen Monat später wurde das Programm der Gedenkstättenfahrt durch ein weiteres, besonderes Ereignis abgerundet. So begrüßten wir die Autorin, Regisseurin, Produzentin und Dozentin für kreatives Schreiben Gabriele Kiesl am Bildungszentrum Spiegelau. Frau Kiesl unterstützte die hauptverantwortliche Dozentin der Gedenkstättenfahrt dabei, die zahlreichen Eindrücke und Erlebnisse, die die Teilnehmenden während ihres Jahres im Bundesfreiwilligendienst allgemein, aber auch während der Gedenkstättenfahrt im Besonderen, gesammelt haben, sichtbar zu machen. Gabriele Kiesl führte die Teilnehmenden mit zahlreichen Methoden an das Schreiben eigener, kreativer und literarischer Texte heran. Dabei wuchs die Freude am Ausprobieren bei den Teilnehmenden von Minute zu Minute. Zurecht waren einige von ihren ersten literarischen Schritten begeistert. Bis die Teilnehmenden am Ende des Tages eine beeindruckende Sammlung an verschiedensten literarischen Texten in Form von Lyrik und Prosa geschaffen hatten. Die Themen der Texte erstreckten sich von der Dokumentation des Grauens und Leids durch die Nationalsozialisten, über den Tod und das Leben, die Liebe und den Mut, bis hin zur Frage, ob und wie sich unsere Gesellschaft seit damals verändert hat. Die Vielseitigkeit der Texte spiegelte die Vielfalt der Persönlichkeiten und Erlebnisse innerhalb der Gruppe wider.

Zudem wurden - inspiriert durch Gabriele Kiesls Input - auch Acrylbilder gemalt, um Unaussprechliches gestalterisch auszudrücken. Diese Bilder wurden in einer gemeinsam organisierten und mit Musik untermalten Vernissage inmitten des Bildungszentrums Spiegelau gezeigt. Diese Ausstellung war nicht nur schön anzusehen, sondern diente auch zur Würdigung der Arbeit der Freiwilligen. Besonders erfreut hat uns hierbei der Besuch durch den ersten Bürgermeister der Gemeinde, Herrn Roth, sowie weiterer Gemeinderatsmitglieder.

Das Fazit der Teilnehmenden zur Gedenkstättenfahrt ist kurz und knapp, aber prägnant: Dieses Projekt ist nicht nur wichtig, es ist relevant und bereichernd – für Jeden. Gedenkstättenfahrten sind eine Chance, in unserer heutigen Zeit, in der Missverständnisse und (Funk)Stille drohen, lauter zu werden, Austausch und Empathie zu fördern. An Stelle von Resignation und Unwissenheit wollen wir Wissen und Verständnis treten lassen. Und das Bewusstsein, nicht zu vergessen, sondern zu erinnern, um so den Wert von Menschlichkeit und Vielfalt zu leben.