Freiwillige des Bildungszentrums Bad Staffelstein besuchen Gedenkstätten in Polen
Anreise und Besuch der Gedenkstätte Majdanek
Nach zwei vorbereitenden Seminaren am Bildungszentrum begann die Reise am Montag mit einer Zugreise zum Flughafen Frankfurt, von dem wir gemeinsam den Flug antraten. Nach einer guten Stunde waren wir in Warschau auch wieder auf festem Boden und sind ohne Zwischenstopp mit einem Kleinbus über weite grüne Landschaften nach Lublin gefahren. Im Hotel angekommen ging es für die meisten nach dem Abendessen direkt ins bequeme Bett.
Vom Frühstück wohlgesättigt startete der Tag mit der ersten von vielen Einkaufstouren im Supermarkt Biedronka, den wir liebevoll nur „Der Marienkäfer“ genannt haben. Anschließend fuhren wir mit dem Bus zur Gedenkstätte Majdanek. Dort erhielten wir von Pius, einem Gedenkdienstleistenden aus Österreich, eine ausführliche und eindrucksvolle Tour über das weitläufige Gelände. Dieser Ort, der die weltweit erste Erinnerungsstätte für die NS-Verbrechen darstellt, befindet sich zu einem großen Teil im rekonstruierten Originalzustand mit teilweise Originalgebäuden und -gegenständen. Auf unserer Tour sind wir dem sogenannten Weg der Deportierten gefolgt. Der Einblick in den Lageralltag mit seinen perfiden Erniedrigungsmethoden und grauenhaften Lebensbedingungen hat uns so stark erfasst, dass es für uns nachvollziehbar wurde, warum dieses Lager eines der grausamsten mit einer der höchsten Sterblichkeitsraten war. 80.000 von insgesamt 130.000 Gefangenen fanden hier den Tod. Neben den überfüllten Baracken und dem Krematorium, in dem heute noch die Originalöfen stehen, haben auch die Erschießungsgräben ihren tiefgehenden Eindruck hinterlassen. An dieser Stelle wurden im November 1943 an zwei Tagen 17.000 Menschen jüdischen Glaubens erschossen. Die Führung endete nach drei Stunden am Mausoleum, in dem die Asche vieler Ermordeter unter Kies bedeckt liegt.
Nach einer Mittagspause gab es eine Filmvorführung, in der Überlebende den Lageralltag schilderten und einen Einblick in die Bedeutung von Freundschaften zwischen den Gefangenen gaben. Im Kontrast hierzu stand nicht nur die Willkür der NS-Wärter, sondern auch die Grausamkeiten zwischen den einzelnen Gruppierungen der Lagerinsassen (Polen, Juden und weitere kleinere Gruppen), die durch die Lebensbedingungen provoziert wurden. Neben den jüdischen Häftlingen war die Anzahl der Polen als Opfergruppe ebenfalls stark betroffen.
Nach diesem emotional anspruchsvollen Tag und dem gemeinsamen Abendessen im Hotel musste wir erst einmal etwas Abstand gewinnen und abschalten. Für einen Teil von uns ging es daher ins in die gefragtesten Karaoke-Bar Lublins – das U-Boot, wo wir unsere polnischen Gesangskünste unter Beweis stellen konnten.
Am nächsten Morgen ging es für uns erneut zum Konzentrationslager Majdanek, um an einem Workshop über Täter und Täterinnen, deren Gräueltaten im Lager und die oft mangelhafte justizielle Verfolgung nach dem Krieg teilzunehmen. Im Anschluss debattierten wir über unsere Einschätzung zu der strafrechtlichen Verfolgung von NS-Verbrechen und wie wir uns eine Aufarbeitung von Seiten der Justiz gewünscht hätten. Hierbei sind wir auch auf die Frage gestoßen, ob „Funktionshäftlinge“ (Gefangene, die die NS-Wärter durch Zwang oder Aussicht auf Profit unterstützten) justiziell hätten verfolgt werden müssen. Nach dem Workshop konnten wir das Gelände noch einmal eigenständig besichtigen und auf uns wirken lassen. Damit endete unser Besuch in der Gedenkstätte Majdanek.
Altstadt von Lublin
Auf dem Weg in Lublins Altstadt wurden wir von ganz vielen kleinen Ziegenböcken begleitet (leider nur in Statuen-Form), dem Wahrzeichen Lublins, die auf wichtige Personen, Ereignisse und Mythen der Stadt aufmerksam machen. In einem atmosphärischen Restaurant aßen wir, in einer Art rekonstruierter Bauernstube zu Mittag, wobei wir einen Einblick in die traditionelle Küche Polens mit Pierogi und einem Stück Apfelkuchen bekamen. Anschließend trafen wir den stellvertretenden Leiter der Gedenkstätte Majdanek, Herrn Wiesław Wysok, der uns eine aufschlussreiche Stadtführung gab. Bemerkenswert war hierbei der große Kontrast, den man bei den Gebäuden der Stadt erkennen konnte. Während einige Häuser einen starken Zerfall aufweisen, gibt es auf der anderen Seite eindrucksvolle Bauten im Stil der Renaissance, wie der prunkvollen Dominikanerkirche, die eng mit der jahrhundertealten Geschichte der Lubliner Union, der Partnerschaft zwischen Polen und Litauen, verknüpft ist; die als ein erster Vorläufer der heutigen EU gilt. Die Führung ging weiter in Richtung des Lubliner Schlosses durch das Stadttor, welches früher das höhergelegene christliche vom jüdischen Viertel trennen sollte. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Lubliner Schloss von den Nationalsozialisten eingenommen und als Gefängnis vor allem für polnische Widerstandskämpfer genutzt. Unterhalb des Schlosses befand sich einst das jüdische Viertel, wo heute eine hohe Straßenlaterne steht, die pausenlos brennt. Sie erinnert an die Opfer des Holocaust und wird von den Einheimischen das „ewig Licht“ genannt. Heutzutage gibt es in Lublin keine jüdische Gemeinde mehr, trotz der ehemaligen großen Bedeutung für das Judentum, die durch einen hohen Bevölkerungsanteil und eine weithin bekannte Thoraschule bestand.
Der letzte Ort der Stadtführung war die Juristische Fakultät der Katholischen Universität Lublin, die unter deutscher Besatzung als Distriktverwaltung genutzt wurde und als Zentrale der „Aktion Reinhardt“ fungierte, wie die Ermordung aller jüdischen Meschen im besetzten polnischen Gebiet bezeichnet wurde. Hier verabschiedeten wir uns nach einigen aufschlussreichen Stunden von Herrn Wysok.
Besichtigung von Zamość und des Vernichtungslagers Bęłżec
Am frühen Donnerstagmorgen hieß es für alle „ab in den Bus“ und auf ging es in den Südosten Polens. Nach einer längeren Fahrt in unserem bewährten Kleinbus sind wir in der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Zamość angekommen und konnten diese bei frühsommerlichem Wetter selbstständig erkunden. Die Stadt – übrigens der Geburtsort von Rosa Luxemburg – hat einen sehr schönen Kern, dessen Marktplatz von bunten Häusern im typisch italienischen Renaissance-Stil umgeben ist. Neben diesem Stadtkern gab es als Kontrast einen Festungswall.
In den 1940ern plante die NS-Führung Zamość, das sie in „Himmlerstadt“ umtauften, die polnischen Bevölkerung zu germanisieren und mit „Ariern“ auszutauschen.
Nach dem kurzen Aufenthalt ging es weiter in Richtung Gedenkstätte Bęłżec. Das ehemalige Vernichtungslager wurde im Jahre 1942 von den Nationalsozialisten betrieben und wegen der vorrückenden Roten Armee 1943 aufgegeben und zerstört, um die Spruen der Verbrechen zu beseitigen. Daher besteht die Erinnerungsstätte im Kontrast zum KZ Majdanek nicht aus erhalten Strukturen, sondern aus unterschiedlichen Symboliken.
Auch hier erhielten wir eine professionelle Führung durch die Gedenkstätte. Der Großteil des Geländes ist ein mit Schlacke bedeckter Hügel. Dort ist die Asche, der über 400.000 Ermordeten vergraben. Anders, als von uns vermutet, wurden hier, statt Zyklon B, Motorabgase in die Gaskammern eingeleitet. Heutzutage führt ein Weg in den Hügel hinein. Am Ende des Weges standen wir 9 Meter unter der Oberfläche vor der „Mauer der Tränen“ und einer Auflistung repräsentativer jüdischer und polnischer Namen, die den Opfern gedenken. Die genauen Namen der Ermordeten sind nicht bekannt. Uns wurde erzählt, dass bis heute regelmäßig Angehörige von Ermordeten an diesen Ort zum Gedenken kommen, auch wenn sie nicht genau wissen, wo ihre Angehörigen ums Leben kamen. Zu beiden Seiten der „Mauer der Tränen“ führen Treppen an die Oberfläche, wo der Weg wieder um das Schlackefeld herum nach unten führt. Entlang des Wegrands stehen auf der einen Seite polnische Städtenamen, aus denen die Deportierten hergebracht wurden. Gegenüber auf der anderen Seite stehen ausländische Städtenamen, darunter auch vieler deutscher Städte. Es war ein bewegender Moment, den eigenen Herkunftsort dort zu finden, besonders wegen der großen geografischen Distanz. Krematorien, wie in Majdanek gab es in Bęłżec nicht. Heute erinnert ein symbolischer Scheiterhaufen an die aus Schienen gefertigten Gitterroste, auf denen die Leichen verbrannt wurden. Damalige Anwohner berichteten, dass die Scheiterhaufen wochenlang brannten und sie sich noch viele Jahre später an den intensiven Gestank erinnern konnten. Besonders erschreckend ist, dass die Arbeiten im Lager von Gefangenen erledigt werden mussten, die nach kurzer Zeit ebenfalls ermordet wurden. Im Gegensatz zu den anderen Deportierten wussten sie ganz genau, wie ihr grausamer Tod aussehen würde. Lediglich drei der hierhin Deportierten haben diesen Ort der Vernichtung und den Zweiten Weltkrieg überlebt. Nach unserem bewegenden Rundgang konnten wir noch das kleine dazugehörige Museum besichtigen, das Hintergrundwissen und die Schicksalsschilderungen bietet. Als diese emotionale Exkursion zu Ende ging, waren wir erschöpft. Wir ließen den Tag revuepassieren als wir mit dem Bus Richtung Sonnenuntergang nach Lublin zurückfuhren.
POLIN Museum in Warschau und Abreise
Der Freitag begann nach dem Frühstück mit der Busfahrt zurück nach Warschau. Aufgrund einer streikbedingten Umbuchung unseres Rückflugs auf eine spätere Abflugzeit, konnten wir spontan das Museum POLIN anschauen. Das nationale Museum befindet sich auf dem Gebiet des ehemaligen Warschauer Ghettos und erzählt die Geschichte der Juden in Polen. Auf dem Vorplatz des Museums steht das Denkmal der Helden des Ghettos, das den Kämpfer im Aufstand des Warschauer Ghettos gewidmet ist. Dort entstand das sehr bekannte Foto von Bundeskanzler Willy Brandt beim Kniefall, als Geste der Entschuldigung und Bitte um Vergebung für die nationalsozialistischen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Das imposante Museum bot uns einen sehr anschaulichen und vor allem interaktiven Einblick in die sehr lange jüdische Siedlungsgeschichte seit dem Mittelalter, welche uns durch die Ausstellung und einem Audioguide nähergebracht wurde. Das Museum erzählt auch von der Verfolgungsgeschichte der jüdischen Bevölkerung, die sich durch alle Epochen zog, wobei es mit dem Ausmaß der NS-Zeit nicht vergleichbar ist. Diese Zusammenfassung des jüdischen Lebens in Polen hat unsere Reise gut abgerundet.
Mit einer Mischung aus Wehmut und Vorfreude auf die Heimat ging es nun Richtung Flughafen. Unser erster Flug des Tages brachte uns ins (auch von oben) schöne Wien. Hier mussten wir uns beeilen, unseren Anschlussflug nach Frankfurt zu bekommen. Nachdem aber auch dieser Flug glatt lief, landeten wir sanft im leicht regnerischen Frankfurt.
Unsere Erfahrungen
Für uns war es ein sehr empfehlenswertes und unvergessliches Erlebnis. Wir hatten als Gruppe viel Spaß und ein sehr gutes Miteinander. Ergänzt durch die professionelle und natürlich auch sympathische Begleitung unserer Dozenten, die immer entspannt, offen und auf Augenhöhe mit uns waren. Dies stand natürlich im starken Kontrast zu dem sehr ernsten und traurigen Thema, das uns emotional doch einiges abverlangt hat. Bei Gesprächen untereinander ist uns nochmal bewusst geworden, wie prägend die Reise für uns war. Für uns steht fest, dass die Wahrnehmung der NS-Verbrechen stark vom Ort beeinflusst wird und sich insbesondere im Ausland, fern der Heimat, verändert, weil die unmittelbare Nähe zu den historischen Tatorten die Ereignisse greifbarer und stärker erfahrbar macht. So wird das Ausmaß der Verbrechen der Nationalsozialisten sowie deren Auswirkungen auf das heutige Europa viel deutlicher spürbar. Zudem war die Art des Erinnerns sehr eindrücklich, da insbesondere die Gedenkstätte Majdanek die Ereignisse durch die Originaltreue sehr intensiv und eindringlich darstellt. Zusätzlich konnten wir durch die Erzählungen der Lebensgeschichten von Gefangenen die Geschichte deutlich besser erfassen, als wir es zuvor an anderen Gedenkstätten in Deutschland konnten.
Wir möchten uns ganz herzlich bei allen bedanken, die diese Gedenkstättenfahrt überhaupt erst möglich gemacht haben und hoffen, dass noch viele weitere Gruppen diese Chance bekommen.