Inklusion zum Anfassen am Bildungszentrum Herdecke
Es ist 13:30 Uhr. Das Einführungsseminar für Freiwillige hat gerade begonnen und die Blicke wandern zum Korb in der Raummitte. Darin liegen kleine, bunte Figuren aus Gummi – und sofort entstehen erste Reaktionen: ein leises Tuscheln, ein lachendes „Das ist cool, sowas habe ich auch“ oder ein skeptisches „Die sehen eklig aus.“ Schließlich fragt jemand: „Was ist das?“ Ich antworte nicht direkt, sondern mit einer Gegenfrage: „Habt ihr schon mal von Neurodiversität gehört?“ Meist wird es daraufhin still – und doch findet sich fast immer eine Person, die eigene Erfahrungen einbringen kann.
Der Begriff Neurodiversität beschreibt die Vielfalt in der Arbeitsweise unserer Gehirne und Nervensysteme. Es geht also darum, wie wir Eindrücke aus unserer Umwelt aufnehmen und verarbeiten: Geräusche, Gerüche, Bilder, Berührungen oder Gefühle. Dass unser Nervensystem mit diesen Reizen unterschiedlich umgeht, zeigt sich im Alltag ganz klar. Manche Menschen können sich stark auf eine Sache konzentrieren und alles andere ausblenden. Andere nehmen ununterbrochen alle Eindrücke gleichzeitig wahr – oft in überwältigender Intensität. Wieder andere springen gedanklich von einem Reiz zum nächsten und haben Schwierigkeiten, das Wahrgenommene zu sortieren.
Auch wenn unsere Gehirne neuronal unterschiedlich arbeiten (Neurodiversität), gibt es Menschen, die neurodivergent sind – man spricht in diesen Fällen von Neurodivergenz. Neurodivergente Personen machen etwa 15-20% unserer Bevölkerung aus. Zur Neurodivergenz zählen beispielsweise Formen des Autismus-Spektrums, ADHS, Dyslexie oder Dyskalkulie. Die steigende Zahl neurodivergenter Menschen resultiert aller Wahrscheinlichkeit nach aus verbesserter diagnostischer Versorgung und vermehrtem öffentlichem Bewusstsein. Diese gestiegene Sichtbarkeit führt auch im öffentlichen Raum zu mehr Sichtbarkeit und inklusiven Anpassungen: Schulen setzen auf unterstützende Materialien, Supermärkte führen „stille Stunden“ ein und viele Unternehmen gestalten Arbeitsplätze flexibler, um den Bedürfnissen neurodivergenter Mitarbeitenden gerecht zu werden.
Damit sich auch in unseren Seminaren alle Teilnehmenden wohlfühlen, gehe ich mit jeder neuen Gruppe in einen kurzen Austausch über dieses Thema. Oft ist es genau dieser Einstieg, der das Eis bricht. Es wird offen zugehört und das Verständnis wächst, sodass besondere Begegnungen entstehen: Teilnehmende, die sich der Gruppe anvertrauen, obwohl sie ihre Erfahrungen zuvor noch nicht geteilt haben, treffen auf Teilnehmende, die aufrichtig zuhören und von diesen Erfahrungen lernen können. So berichtete kürzlich eine Teilnehmerin von ihrer ADHS-Diagnose und den täglichen Herausforderungen. Während sie erzählte, griff sie zum Korb und erklärte, dass sie die gleichen kleinen Hilfsmittel auch zu Hause nutzt, um Stress abzubauen.
Darüber hinaus sprechen wir über die sogenannten Fidget Toys und probieren sie gemeinsam aus: Knautschbälle mit verschiedenen Oberflächen, metallene Entspannungsringe, weiche Sandschlangen, die durch ihre Haptik beruhigen. Eine Tropfensanduhr hilft, Emotionen zu regulieren, während ein Gummiband am Stuhl überschüssige Energie durch die Beine ableitet. Auch Kopfhörer und Ohrstöpsel stehen auf Wunsch zur Verfügung, ebenso wie weitere Hilfsmittel, die individuell vereinbart werden können, etwa Vorlese-Apps, Sonnenbrillen oder Caps.
All das hat ein Ziel: Wir möchten Räume schaffen, in denen sich Menschen sicher und gesehen fühlen. Räume, die Austausch ermöglichen, statt ihn zu erschweren. Und Räume, in denen alle Personen ihre Lernumgebung so gestalten können, dass Lernen gelingt. Am Ende merken wir: Von diesen kleinen Veränderungen profitieren nicht nur die Seminargruppen. Auch im Team greifen inzwischen Kolleginnen und Kollegen begeistert zu einem der Fidget Toys – und beweisen damit, dass Inklusion ganz einfach sein kann.